Wieso braucht die Welt mehr Glitter, Johannes von Dassel?

19 05 2020

auftakt: Welches war Dein letztes Live-Erlebnis (Performance, Konzert, etc.)?

HOWL an der Volksbühne Berlin, in der Regie von David Marton. Hat mich absurd stark innerlich angefasst. Ich hab es zweimal gesehen und wollte bis zum Spielzeitende jedes mal rein, aber dann kam Corona mit: Strich durch die Rechnung.

auftakt: Wieso braucht die Welt mehr Glitter?

Glitter zu schmeißen ist eine belebende Geste. Und für einen Moment visuell die Umgebung ändern – vielfarbig, divers, leicht und fröhlich machen, das befreit. Denn es bedeutet Sichtbarkeit bewirken in der Gesellschaft, in der man damit um sich schmeißt. Das ist wichtig und kann sogar ein politisches Mittel sein. Eine fixe Machtposition. Ein optisches Selbst-Empowerment. Für „die Welt“ braucht es aber nicht notwendigerweise Glitter in Plastik-Form (bitte Plastik kein mehr!) sondern eher glittrige Eigenschaften, sichtbare Aktivität – „Glittern“ als soziale Praxis, denke ich.

Beispiel: in Form der einzigen dezidiert queeren Literaturzeitschrift im gesamten deutschsprachigen Raum, die ich mit-herausgebe, die GLITTER (https://glitter-online.org), um mehr Sichtbarkeit und Publikationsmöglichkeit für queere* Autor*innen zu schaffen. Es können aber auch andere, ganz unterschiedliche Gesten sein, kleine, große, an unterschiedlichen Orten, die für Sichtbarkeit sorgen, die jemandem Erleichterung schaffen, befreien, oder Freude bringen. Bestenfalls nicht immer nur ein einzelner Wurf, sondern eine Aneinanderreihung mehrerer solcher Aktivitäten: eine Generation lang, einen Zeitgeist anstoßend vielleicht, fortlaufend, das wäre eine sehr sichtbare Form von Glitter(n). Und ist eine ambitionierte Vorstellung. Das jede* Person ihr eigenes Umfeld mit belebenden Aktivitäten „glittert“. Davon braucht die Welt vielleicht mehr?

auftakt: Du arbeitest auch als Autor – wovon handeln deine Texte?

Ich schreibe hauptsächlich Prosa und Dramatik. Im Zentrum stehen queere* Figuren oder abstrakte Stimmen, die Bindungs-, Sozialisations-, Glaubens- und Generationskonflikte austragen. Körper sind ein großes Thema gerade. Humor, Optimismus, thematische Dringlichkeit sind mir wichtig in den Inhalten. Und Spaß bei der Arbeit daran. Das ist ein zentraler Faktor, der sich, glaube ich, für ein Publikum oder eine Lesendenschaft übersetzt. Zusätzlich arbeite ich im Performance-Duo BR*OTHER ISSUES und teile mir dort die Autor*innenschaft mit meinem Zwillingsbr*uder Moritz. Da sind es häufig zwei sich rivalisierende Themen, die wir theoretisch und biografisch bearbeiten und mit queeren Mitteln/Ästhetik, wie trash und camp, austarieren.

Johannes von Dassel ist Autor und Performance-Künstler. Er studierte in Braunschweig und Istanbul Freie Kunst in den Bereichen Performance, Video, Malerei und Freies Schreiben. 2016 inszenierte und schrieb er Laufsteak_In* am StudioЯ des Maxim Gorki Theaters Berlin und erhielt das Literatur-Stipendium „Autorenwerkstatt Prosa 2016“ des Literarischen Colloquiums Berlin. Im Performance-Duo BR*OTHER ISSUES mit Moritz Sauer schrieb, spielte und inszenierte er zuletzt 2019 beim Festival Spieltriebe am Theater Osnabrück. Im Oktober 2019 wurde sein Stück DARK ROOM am Schauspiel Hannover uraufgeführt. Er ist Mit-Herausgeber der queeren Literaturzeitschrift Glitter.

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